Die
beiden Radiokünstler Jocelyn Robert (Quebec) und Laetitia Sonami
(Los Angeles) vervollständigen mit einem Auftragsstück
fürs Ö1 Kunstradio eine Werktrilogie, die sich mit dem
Konzept der Silhouette befasst: Die Silhouette eines Gegenstands kann
unschwer ausgemacht werden – was sind aber die Konturen von Film,
Text und Stadt?
 general concept Statement zum Konzept der Trilogie (englisch)
„Der
Werkreihe liegt das Konzept der Silhoutte zugrunde. Um es zu
veranschaulichen: Man kann seine Hand zeichnen, wie das in der Schule
geübt wird – man könnte aber auch den Rest des Raumes
zeichnen, also alles sonstige, bis auf die Hand. Die Hand wäre
immer noch in der Zeichnung enthalten, obwohl sie ausgelassen wurde. Wir
fragten uns also: was ist alles außer einem Film? Was definiert
das Außenliegende? Daraus entstand das erste Stück, Le
Crachecophage. Film ist ein zeitbasiertes Medium, die
Herangehensweise ist also einfach, man hält sich einfach an den
Zeitablauf. Wie funktioniert die Silhouettierung aber bei einem Text,
der freilich einer ganz anderen Zeitlichkeit folgt? Das versuchten wir
im zweiten Teil, Les Scaphandres, akustisch festzuhalten. Schon ganz
zu Beginn dachten wir, es sollte drei Teile geben: ein Film, ein Text
und dann noch ein Ort. Auf die Gelegenheit warteten wir lange, und nun
ist es in Wien soweit gewesen.”
Für den ersten Teil,
„Le Crachecophage“, haben Jocelyn Robert und Laetitia
Sonami 1999 einen Film ausgewählt, und – unabhängig
voneinander – eine Reihe von Soundtrack-Zusätzen dazu
komponiert. Erst im Studio wurden die Fragmente zusammengeführt.
Um welchen Film es sich handelt, wollen Robert und Sonami nicht
angeben. Es gäbe jedoch Hinweise, wenn man genau hinhört,
sagen sie.
 crachecophage Statement zu Le Crachcophage (englisch)
“Für
Crachecophage ist der Entstehungsprozess von Bedeutung: Wir haben uns
für einen Film entschieden – welcher, spielt keine Rolle und
wird daher auch nicht verraten – und haben getrennt voneinander
mit der Silhouettierung begonnen, also Ideen gesammelt. Ein Beispiel:
Im Film steht ein Mann an einer Bushaltestelle und wartet. Wir meinen,
ah, das könnte doch ein kleines Geräusch vertragen –
was das ist und ob es dazukommt, ist aber freilich reine
Interpretation. Füllt man damit ein Negativ, also die Leere? Oder
ergänzt man die Situationsstimmung des Wartens? Man kann es auf
verschiedene Arten lesen, aber es gehört doch irgendwie zum Film
dazu. Ein vorgebener Parameter war natürlich die Zeit des
Films, an die wir uns hielten. Offen war hingegen, ob wir
dokumentieren, illustrieren, assoziieren – oder uns ganz von dem
Film loslösen. In Crachecophage ließen wir letztendlich auch
Text einfließen, der direkt von dem Film inspiriert war. Alle
Möglichkeiten standen uns offen.”
In einem
Gespräch, das anlässlich der Fertigstellung des dritten Teils
der Reihe in Wien stattfand, stellten Sonami und Robert auch
Überlegungen über den Bezug ihrer Arbeiten zum Radioraum an,
und wie sich dieser auf die Rezeption ihrer Soundstücke auswirkt.
 radio Statement zu Radio und Radioraum (englisch)
“Wir
bewegten uns zwischen verschiedenen Raumtiefen. Manchmal hört man
einen Gegenstand ganz nah, und manchmal ist er entfernt. Oder man
hört die Rückabdeckung des Lautsprechers, das Geräusch
entsteht also direkt in dem Raum, wo sich der Hörer befindet. Eine
Stimme spricht dicht am Mikrophon und ist über den Kopfhörer
fast im Kopf drinnen, oder sie spricht weiter davon entfernt, man
hört also auch die Darstellung des Raumes dazwischen. Durch das
Radio werden all diese Tiefen durch einen Kanal geschickt und dann,
durch die Übertragung über Lautsprecher, lösen sie sich
wieder in einem anderen Raum auf. Wir haben das Potential eines
leeren Raumes besprochen, eines Containers, eines Raumes, wo etwas
geschehen kann, und uns hat interessiert, was passiert, wenn wir nur
das Außen oder die Grenzen darstellen. Der Begriff eines
Möglichkeitsraumes kommt auch dem Radio sehr nahe: etwas passiert
oder auch nicht. Und noch etwas ist wichtig: Wenn man einen Film
ansieht, dann läuft er vom Anfang zum Ende vor dem Auge des
Betrachters ab. Dem gibt es keine räumliche Entsprechung, denn
wenn man sich durch den Raum bewegt, lässt man
gezwungenermaßen alle anderen Wege aus, sich zu bewegen. Auch
beim Radio kann man nicht zurückspulen, denn es ist keine CD.
Radiohören bedeutet, sich dem einen Kanal und dem Moment zu
verpflichten, einem Punkt in der Zeit. Das ist schwierig, und manchmal
auch schmerzhaft. Radiohören ist eine Entscheidung, die man trifft
und zu der man stehen muss.”
Jocelyn Robert lebt in
Quebec, und Laetitia Sonami, geboren in Frankreich, lebt seit langem in
Los Angeles. Über die Zusammenarbeit an der Trilogie, die sich nun
über zehn Jahre gezogen hat, wenn auch mit Unterbrechungen,
erzählen sie nur Bestes.
 collaboration Statement zu Kollaborationen (englisch)
Jocelyn
Robert: „Ich arbeite wahnsinnig gerne mit anderen zusammen, weil
ich gerne meine Meinung ändere, wenn man mir etwa sagt, dass ich
falsch liege und es auch andere Lösungen gibt. Laetitia und ich
denken auf ganz andere Weisen. Ich war früher Architekt und ging
vom Großen, etwa dem Baugrundstück, hin zum Detail, dem
Gebäude oder dem Badezimmer. Laetitia ist wie eine Juwelierin,
wenn Sie mit Sound arbeitet. Sie findet einen funkelnden Edelstein und
bewundert ihn von allen Seiten. Es ist dann nur drei Sekunden kurz, das
Soundschnippsel – aber perfekt! Darum herum baut sie dann weiter,
fügt andres wertvolles Kleinod hinzu. Wir haben also ganz
gegensätzliche Ansichtsweisen von der Welt und davon, wie man
diese nachbaut.“ Laetitia Sonami: „Ich arbeite selten
mit anderen zusammen. Außerdem mache ich nicht gerne
Aufnahmen und stelle dann Soundprojekte fertig – ich trete lieber
live auf. An der Arbeit mit Jocelyn gefällt mir das
Grundvertrauen, das wir haben: Er denkt zwar ganz anders, aber das
akzeptiert man und schätzt es, deswegen arbeiten wir ja zusammen.
Niemand muss sein Territorium verteidigen oder seine Vision durchsetzen
– das ist großartig.”
"Le Crachecophage" ist
eine Koproduktion des Kulturkanals des kanadischen Rundfunks und der
von Jocelyn Robert mitinitiierten Künstlerplattform AVATAR, 1999.
Links: Avatar CD Le Crachecophage
|