Kunstradio Broadcasts / Jan 04 2004

Eine andere Sprache ist möglich

Das Archiv der nicht existierenden Sprachen

1. Die Welt der Sprache verändern ohne die Macht zu ergreifen?
Sprache ist ein komplexes, in hohem Maße vermachtetes und umkämpftes Feld. - Sprache ist ein wesentliches Medium der Kommunikation; im Bemühen um Sprachbeherrschung artikuliert sich das Begehren, die Welt und ihre Realitäten zu begreifen ...
Sprache vermittelt aber nicht nur bestimmte Informationen bzw. macht Wirklichkeiten "zugänglich", sondern repräsentiert immer auch einen "Sprachstil", der, in Konkurrenz zu anderen Sprachstilen, seiner ProduzentIn materiellen wie symbolischen Profit einfährt. "Am deutlichsten erkennbar in der Differenz der jeweiligen 'Hochsprache' zu den abgeschlagenen Dialekten, subtiler wirksam in sprachlicher Gewandtheit, im Wortschatz, selbst in der Stimmmodulation" (Graefe 2003) Geheimsprachen bzw. "nicht existierende Sprachen" entziehen sich diesem Konkurrenzverhältnis und betreiben - indem ihre Selbstreferentialität weder allgemeine Verständlichkeit heischt, noch gesellschaftliche Anerkennung einfordert - zudem die Dekonstruktion von über Begriffssetzungen vermittelten symbolischen - und damit letztlich auch materiellen - Ordnungen, ohne damit eine Auseinandersetzung um neue Normsetzungen zu eröffnen.

2. Widerstand im Verwertungszusammenhang
Das "Archiv nicht existierender Sprachen" versucht in diesem Sinne nicht die Topographie der "Geheimsprachen" zu kartografieren bzw. diese lesbar zu machen und sie damit für den polizeilichen und kulturindustriellen Zugriff zuzurichten oder in subkulturelle Repräsentationen des kapitalistischen Verwertungszusammenhanges einzuschreiben.
Das "Archiv" eröffnet vielmehr ein Labor, in dem spielerische Versuche autonomer verbaler Artikulation in Beziehung zueinander gesetzt werden, ohne sie zu hierarchisieren oder für sie - stellvertretend - in einen "Kampf um Anerkennung" einzutreten. Stattdessen schafft das "Archiv der nicht existierenden Sprachen" Raum für unterschiedlichste temporäre Versuche einer neuen, nichtidentitären "Poetik des Widerstands".

Literatur: John Holloway: Die Welt verändern ohne die Macht zu ergreifen, Münster 2003 Stefanie Graefe: Von der Liebe zum Hass auf das Schicksal, in Fantomas 04/03)