„WIEN, ASPANGBAHNHOF, 6.5.1942“

Piece für Kunstradio ORF, 2005, on air/on line
von Peter Pessl

1.
Zwischen 1939 und 1945 wurde die jüdische Bevölkerung Österreichs, mit Ausnahme derer, denen rechtzeitig die Flucht ins Exil gelang, sowohl aus den Bundesländern, als auch aus Wien, wo die allermeisten Juden lebten, in die Konzentrationslager, insbesondere in die Gettos und Lager des von den Nazis besetzten Osteuropa, vorallem in Polen und Weissrussland, deportiert und ermordet. Ausgangspunkt der Deportationen war zu einem wesentlichen Teil der Aspangbahnhof Wien, von wo aus die dem Tod Überantworteten in Personenwaggons, später umgeladen in Viehwaggons, unter grauenhaften Umständen nach dem jeweiligen Bestimmungsort ihrer Ermordung verbracht wurden. Regelmässige Züge verliessen Wien ab 1941, allein im Frühjahr 1942 wurden 5000, im Herbst 20000 Menschen deportiert, kleinere Transporte fanden bis 1945 statt.
In den Quellen heisst es, dass die zu Deportierenden zum Teil auf offenen Lastwagen, stehend, unter höhnischen Zurufen von Teilen der Wiener Bevölkerung, zum Aspangbahnhof transportiert wurden.
In einem Bericht über den Zug, der Wien am 6. Mai 1942 verliess heisst es, dass einige der 1000 Menschen bereits bei der Ankunft in Minsk verstorben waren, etliche waren wahnsinnig geworden, alle jedoch befanden sich in einem unbeschreiblichen Zustand des Elends. Die noch Lebenden wurden kurz darauf im Lager Trostenez bei Minsk ermordet.
Über 65000 österreichische Juden wurden in den Lagern und Gettos ermordet, mehr als 128000 zur Flucht ins Exil gezwungen. Da die Republik Österreich in keiner Weise an einer Rückkehr der Vertriebenen interessiert war und ist, kehrten nur wenige von ihnen zurück.
Ihre Besitztümer, Betriebe, Geschäfte, Wohnungen usw. sind zu einem nicht unerheblichen Teil bis heute nicht an die rechtmässigen Eigentümer, oder deren Nachkommen bzw. Rechtsnachfolger zurückgegeben worden.
Im Gegensatz dazu wurden nur wenige Täter der Justiz zugeführt und auch verurteilt, viele von ihnen machten im Österreich der Nachkriegszeit wieder Karriere.

2.
Seit einigen Jahren wird das Gelände der Aspanggründe, auf dem der ehemalige Aspangbahnhof im 3. Bezirk liegt, im Auftrag der Stadt Wien vom Stararchitekten Norman Foster in einen sogenannten „modernen Stadtteil“ neoliberaler Prägung, Projektname: „Eurogate“, mit Wohnungen, Büros usw. verwandelt. „Zeithorizont“ 2016, an die 2000 Wohnungen, 8300 Arbeitsplätze.
Noch erhaltene Reste der Bahnhofsanlagen, Geleise, angrenzende Hallen des ehemaligen Bahnhofes, werden dabei bewusst ignoriert, zerstört, und gehen somit als historischer Erinnerungsraum unwiederbringbar verloren. Natur kommt in dieser Konzeption als sogenannter „Grünkeil“ bzw. „Grümraumvernetzung“ vor, bzw. nicht mehr vor.
Der Landschafts- und Geschichtsraum Aspangbahnhof befindet sich zur Zeit in einem sichtbaren und spürbaren radikalen Verwandlungsprozess. Architekturfragmente, Brachland, wiedergekehrte Natur in der ihr eigenen unmittelbaren Schönheit und Kreativität, lassen vor ihrer gesichts- und geschichtslosen Neugestaltung, also Schleifung und Glättung, letzte Spurensuche und -lese zu. An die vertriebenen und ermordeten ÖsterreicherInnen erinnert, zumindest derzeit, ein in Bodenhöhe angebrachter, kaum sichtbarer Gedenkstein am sogenannten „Platz der Opfer der Deportation“.
Seine Inschrift gibt vor zu erklären:
„und (sie) kehrten von dort nie zurück“.
Gemeint ist: von den Vernichtungslagern.
Als hätten sie sich entschieden, freiwillig, nicht zurückzukehren, anderswo weiterzuleben. Wo, darauf gibt der Gedenkstein keine Antwort.
Was sie sehr wohl geben, der graue, bodennahe Gedenkstein und die neueste Geschichte des ehemaligen Aspangbahnhofes, ist einen lebendigen Einblick in den Umgang Österreichs mit seiner blutigen Vergangenheit.
Die Chance mitten in Wien einen historischen Erinnerungsraum zu bewahren, und, mit der dafür nötigen Behutsamkeit und Genauigkeit, die völlig neu entwickelt und definiert werden müsste, im Gedächtnis der Bevölkerung erst zu schaffen, wird mit Bestimmtheit vergeben. Wie dies möglich (gewesen) wäre, zeigt etwa das Beispiel der Stadt Rom, die mit dem aus mehreren bedeutsamen Landschaftsteilen geschaffenen „Parco regionale delle Appia antica“ die Anliegen der Erhaltung bedeutsamer archäologischer Stätten, wie auch der Dokumentation zeitgeschichtlicher Orte und Ereignisse, z.b die ardeatinischen Höhlen, sowie der Erhaltung und Regeneration der Naturlandschaft, in denen sie liegen, bzw. die sie mit ausmachen, für die Bevölkerung zu einem einmaligen Projekt verbunden hat.
Die aktuelle Debatte um ein Holocaustdenkmal vor Ort kann einen vergleichbaren kreativen Prozess nicht ersetzen.

3.
„Wien, Aspangbahnhof, 6.5.1942“
ist ein piece für Radio und Internet, dessen Partitur aus akustischen und visuellen Fundstücken in und um die Aspanggründe, Wien, sowie aus in meiner Imagination sozusagen „angrenzenden Materialien“, entsteht.
Das Radiostück soll, in Verbindung mit einem Foto - Essay, das verdrängte Geschehene, Vertreibung, Deportation, Mord, den gelöschten Geschichts-, Natur- und Erinnerungsraum Aspangbahnhof, akustisch und visuell aufrufen, mit den Mitteln der Kunst reflektieren, als unausgesetzt gegenwärtigen Fluss der Erinnerung, der Vergangenheit, Gegenwart, sowie Zukunft dieses bedeutsamen Stadtraumes, dessen visuelle und akustische Befindlichkeit im Sommer 2004 dokumentiert wurde, die aber zum Zeitpunkt der Produktion und Sendung des Projekts im Mai 2005 sehr bewusst längst historisch, also Teil der Vergangenheit, aber auch der Zukunft, der Voraus - Erinnerung dieses Ortes sein wird, zugleich sichtbar werden lässt.
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft begreife ich dabei als immer gleichzeitig und ungetrennt voneinander anwesend und wirksam.
Ihr Zusammenwirken nenne ich „Geschichte“.
Oder genauer: „Menschen - Geschichte“.
An einer „Geschichte“ aller übrigen Lebewesen, also der schweigenden Mehrheit, schreibt meine Arbeit seit Jahren fort.
Die Mittel des Stückes passen sich der Herausforderung eines Zeigens des grundsätzlich nicht Darstellbaren, sowie physisch weitgehend nicht mehr Vorhandenen, an: weithin geht es um Stille, mehr noch Schweigen, Abwesenheit, Verlieren und Finden, Trauer ebenso, wie um die vordergründige Banalität von Orten, auf denen der Schrecken der Geschichte lastet, oder die innewohnende Schönheit, scheinbare Unbeindruckbarkeit und Unwandelbarkeit von Natur.
Ungeplant, zumindest am Beginn der Arbeiten im Sommer 04, wird dieses Projekt zu meinem Beitrag zu 60 Jahre Kriegsende und Befreiung vom Nationalsozialismus, sowie der Wiedererrichtung der Republik Österreich und ihrer seit 60 Jahren anhaltenden Entwicklungs-, Aufarbeitungs- und Verdrängungsarbeit.