Die MIDI-Datenhandschuhe und ihre Konzeption für das Projekt ARTSAT


Wesentliche Impulse zu den Überlegungen, die zur Entwicklung dieser Midi-Data-Gloves führten, kamen aus unserer Mitarbeit an dem Weltraum Kunst-Experiment "ARTSAT"von Richard Kriesche.


Wir erhielten eine Tonbandkassette, mit Aufzeichnungen einer Nachricht die permanent von der Raumstation ausgesendet wurde. Aufgezeichnet als Morsecodes und im "packet-radio" Format. Diese als Ergebnisse eines Kommunikationsprozesses gesehenen Geräusche sollten uns, als Ausgangsmaterial dienen.


Nun sind diese Geräusche aber eigentlich akustisch informationslos - nur durch Hörgewohnheit kann ihnen ein bestimmter symbolischer Gehalt beigemessen werden (Packet-Radio klingt unverkennbar nach digitalem Zeitalter, der Morsecode erinnert eher an die Kindertage der elektronischen Fernübertragung) - denn, was bei Morse-Signalen einem sehr Geübten noch möglich ist, nämlich die in diesen Schallwellen kodierte Information hörend zu verstehen, ist bei der digital kodierten Nachricht absolut ausgeschlossen (für den menschlichen Hörsinn ist der Unterschied zwischen dem Bit-Strom einer Mozart-CD oder dem eines Start Befehls für eine Atom-Rakete vollkommen unzugänglich).


Setzt man nun solche Neben-, Abfallprodukte als Synonym für bestimmte Kommunikationstechniken, so entsteht eine Situation, in der der Inhalt einer Botschaft seiner primären Funktion enthoben, obsolet wird.
Durch die starke Symbolhaftigkeit der klanglichen Ereignisse werden diese selbst zu einem Zeichen. Es entsteht gewissermaßen eine krasse Abbreviatur des eigentlichen Kommunikationsprozesses.


Ein Sachverhalt, der in der Auseinandersetzung damit geradewegs zur Sprachtherorie, zur Semiotik führt. Vorrangiges Interesse galt dabei der syntaktischen Dimension also der Beziehung der Zeichen untereinander, und vor allem der Beziehung von Zeichen zum Vorgang ihrer Verwendung.


Diese bereits in Richard Kriesches Vorgabe angelegte Spannung einer Konfrontation verschiedener Kommunikations- (Kultur-)techniken (...respektive, der ihnen innewohnenden subjektiven Weltsichten...") wollte ich also aufgreifen und weitertreiben. Naheliegend somit die Verwendung anderer, ebenfalls auf nonverbaler Basis aufbauender Zeichensysteme wie z.B. Handzeichen.


Die starke mimetische Kraft von Handzeichen mit der des Klanges zu konfrontieren, einen Beziehungs-Katalog aufzubauen zwischen aus unterschiedlichen Kulturepochen stammenden Zeichensystemen; Praktiken unterschiedlicher Kulturtechniken miteinander zu verbinden war die Zielsetzung.


Der konkrete Lösungsansatz kam dann mit der Erinnerung an die Methode,nach der japanischen Kindern das Schreiben dieser so schwierigen Schriftzeichen beigebracht wird. (Das soll so vor sich gehen, daß der Lehrer die Zeichen mit den Händen vorzeigt, und die Kinder diese versuchen nachzuzeichnen.)


Von Horst Hörtner wurde eine Software entwickelt, die es ermöglicht, dem Computer durch die Datenhandschuhe einen Zeichenvorrat auf genau diese Art des Vorzeigens beizubringen.
D.h., der Computer lernt, gewissen Handzeichen bestimmte Bedeutungen in Form von musikalischen Steuersignalen zuzuordnen. In weiterer Folge kann er auch aus gänzlich unwillkürlichen und unkontrollierten Hand bewegungen jene Stellungen erkennen, die Ähnlichkeit mit den gelernten aufweisen, und dann diesen die zugehörigen akustischen Bedeutungen zuordnen. (So wie man auch aus einer völlig fremdländischen Sprache, der man nicht mächtig ist, immer wieder meint, gewisse Fragmente einer Bedeutung erkennen zu können.)


Die Auswahl des für das ARTSAT-Projekt verwendeten akustischen Materials erfolgte demnach auch nicht nach musikalischen Kriterien, vielmehr lag mir daran, weitere ebensolche assoziativen Geräusche zu finden und mit den visuellen Signalen zu verbinden. (Im speziellen waren dies menschliche Stimmlaute, Klopfzeichen, das Kratzen einer Feder auf Papier sowie die obengenannten Morse- und Packet-Radio Geräusche, die mit bestimmten Handzeichen verküpft wurden.)


Ursprünglich wurde dieses System also nur entwickelt, um diesen konzeptionellen Ansatz realisieren zu können, und es bestand eigentlich keine Absicht, es darüber hinaus zu verwenden.
Als es nun aber fertiggestellt, und die ersten Testläufe absolviert waren, sollte sich herausstellen, daß damit auch ein äußerst interessantes Musik-Instrument konstruiert war.


Zu den größten Problemen im Umgang mit Computern als Werkzeug musikalischer kompositorischer Arbeit, zählt neben der geringen Anzahl direkter Zugriffs- und Kontroll-möglichkeiten auf die Vielfalt akustischer Parameter auch das weitgehende Fehlen körperlich- motorischer Aktivität des Musikers bei der Klangerzeugung


Sich das klangliche Ergebnis einer Tonkonstellation für z.B. ein Streichquartett, am Papier komponierend vorzustellen, ist ein aus Tradition und Ausbildung gewachsenes Vermögen, welches bei den komplexen und fast nur experimentell zu erprobenden Dimensionen computergenerierter Klänge naturgemäß auf massive Grenzen stößt.

Mittels der Datenhandschuhe wird es möglich, zehn verschiedene Parameter (oder auch unterschiedliche Klangerzeuger) individuell zu steuern und auch unmittelbar also real-time hören zu können.

Natürlich bedarf es einiger Übung, um ein hinlängliches Maß an Exaktheit der Kontrolle zu erreichen, aber schon der völlig andersartige - mit keinem konventionellen Musikinstrument vergleichbare - körperliche Bewegungsablauf, der hier zur musikalischen Produktion führt, diese unmittelbare Bindung der Bewegung an die Klangerzeugung stellt in weitem Maße ein der erwähnten Komplexität elektronischer Klänge adäquates "Instrument" zur Verfügung.


Einen wesentlichen Anteil daran hat die völlig freie Zuordenbarkeit verschiedenster musikalischer Reaktionen als Antworten auf die Hand-Fingerbewegungen.

Von der einfachsten Form, bei der eine kleine Bewegung eines einzelnen Fingers einen bestimmten Ton auslöst und die weitere Bewegung des Fingers diesen Ton in verschiedenen Dimensionen (Tonhöhe, Klangfarbe, Lautstärke etc.) moduliert, bis hin zur Verknüpfung ganzer Handzeichen, oder bestimmter Abfolgen dieser, als auslösendes Moment ebenso vielschichtiger, sich auch in die Zeit ausdehnender musikalischer Abläufe (Sequenzen etc.). Jede vorstellbare Kombination von Bewegungsablauf und Klang ist möglich.


Ein spontanes, improvisatorisches Arbeiten ersetzt das mühsame Editieren der Klänge über abstrakte Steuercodes eines Terminals. Die, Handbewegungen innewohnende unmittelbare Ausdruckskraft verstärkt naturgemäß den Reiz (und auch die Effizienz) eines derartigen Impovisierens.

Der Vergleich mit dem Dirigieren eines Orchesters drängt sich dabei auf.


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