“Radio
Arts Space” war ein Radiokunst-Projekt des slowenischen Radio
Cona, das 2011 on air auf der FM-Frequenz 88.8 Ljubljana, im Internet
auf dem RadioCona-Stream und on site in der ŠKUC Galerie in
Ljubljana stattgefunden hat. „Radio Arts Space“ verwendete
den Radioraum als Ort der Produktion und der Distribution von Kunst,
wie eine der Veranstalterinnen, Irena Pivka, erklärt: „Wir
verstehen den FM-Raum als Ort der Kunst – dieser Ansatz
unterscheidet sich von der gängigen und allgemein akzeptierten
Meinung, dass Radio ein Medium im Sinne eines PR-Tools ist.“
Die Ausstellung diente auch als Austragungsort von Diskussionen,
künstlerischer Recherche, dem Austausch von akustischer Kunst und
von Live-Performances. 42 Künstlerinnen und Künstler aus 22
Ländern waren beteiligt – teilweise hatten sie sich auf
einen Open call hin gemeldet, teilweise wurden sie von verschiedenen
Kuratoren eingeladen. Aus den über 20 Stunden Audiomaterial, das
bei „Radio Arts Space“ zustande kam und präsentiert
wurde, haben die Veranstalter fürs Kunstradio eine
repräsentative Auswahl getroffen. Diese wurde erleichtert durch
die Entscheidung, nur kurze Stücke zu nehmen, erzählt Brane
Zorman von Cona. Ein weiteres Kriterium war der Bezug zu Raum und
Wahrnehmung der Radiokunst-Stücke: „Die Stücke
veranschaulichen diverse Zugänge zu radiophoner Wahrnehmung und
Distribution, und sie beschäftigen sich mit Räumlichkeit und
Distanz.“

1) Automating: “DePreston-Dedicated to Ambulance Victoria” (2010)

“Ich kam im Rahmen meines Sound Art Studiums in Australien nach
Deutschland, wo es 'Neue Musik' heißt. Rasch wurde mir klar, dass
der Deutsch-Crash-Kurs vergebens war, und dass auch im Studium viel
weniger Englisch gesprochen wurde als ich erwartet hatte.
Zusätzlich zur Schwierigkeit der grundliegenden Kommunikation
stellte sich heraus, dass ich der einzige Student war, der der
musikalischen Notation nicht mächtig war. Heimweh stellte weniger
ein Problem dar, als die fehlende Anbindung an Gesellschaft.
Zu Ostern, während ich Radio hörte, stieß ich auf eine
Notruf-Website aus Melbourne, die Serviceauskünfte streamte
– ein unerwarteter Gruß aus der Heimat! Bei mir in Hannover
war es ein sonniger Frühlingstag, während es in Melbourne
mitten in der Nacht war. Drogentote, Gewaltverbrechen,
Wirtshausschlägereien, alles detailliert ausgeführt in einem
mit nahen Akzent. Dieses Material habe ich kontrastiert mit Material
von deutschem Amateur- und Profi-Radio aus analogen und digitalen
Übertragungen. Vielleicht kann der Kulturschock, den ich erlebte,
nachempfunden werden.“
(Automating)
2) Henry Gwiazda: “Claudia and Paul 2:13 a. m. audio version” (2008)

„Claudia and Paul 2:13 a. m. audio version“ ist die
Audioversion einer Medienkunst-Installation mit dem gleichen Titel. Ich
wollte die Auswirkungen der Übersetzung einer audiovisuellen
Arbeit in eine rein akustische Version feststellen. Neben Sounds wurde
auch ein Erzähler zugefügt. Ein Mann schaut aus seinem
Fenster, er beobachtet sehend und hörend die Choreographie des
Verkehrs auf der Straßenkreuzung unter ihm...
Meine Arbeit handelt von der Choreographie der Wirklichkeit. Alles
bewegt sich und ist miteinander verbunden, wodurch Schönheit
entsteht. Jede kleine, choreographierte Szene kann für sich selbst
bewundert werden, aber bei wiederholter Beobachtung nimmt sie eine
andere Bedeutung an. Sie wird zur Metapher für unser Leben, unsere
Träume und für uns selbst.“
(Henry Gwiazda)
3) Emiliano Zelada: “The solemn geographies of our limits” (2011)

„Das Stück handelt von Sprache, ihren geographischen
Implikationen und den Auswirkungen auf die Kommunikation. Zu hören
sind Wölfe zweier unterschiedlicher Rudel, eines in Nordamerika
und eines auf der Arabischen Halbinsel. Unabhängig vom Kontinent,
sind die Geräusche aller Wolfsarten sehr ähnlich. Arabische
oder amerikanische Wölfe übers Radio in Europa hörbar zu
machen, bedeutet – aus menschlicher Sicht – sie an einen
fremden Ort zu versetzen. Da für die Wölfe überall die
gleichen Kommunkationsparameter gelten, werden dadurch geopolitische
Grenzen außer Kraft gesetzt.“
(Emiliano Zelada)
4) Tom Bogaert: “Black Noise (Black Panel)” (2008)

„'Black Noise' ist der Soundtrack zu einem Völkermord.
Schwarze Lakritze-Mäuse bedecken einen Tisch. Die über ihre
Rücken holpernde Nadel erzeugt ein rhythmisches Klopfen, das
schaurig an Maschinengewehrsalven und an Trommeln erinnert.
Beim Völkermord in Ruanda 1994 wurden im Unterhaltungsprogramm des
Hassradiosenders 'Radio Télévision Libre des Mille
Collines' (RTLM) die Mörder zur Gewalt aufgerufen. Über
eingängige Popsongs wurden vom Star-DJ Totenzahlen wie
Sportergebnisse hinausgeplärrt.
Das Stück 'Black Noise' untersucht, wie eine Radiofrequenz zum
Kanal für kristallisierten Hass werden konnte. Der Titel 'Black
Noise' ist auch eine Anspielung auf den technischen Ausdruck für
vollkommene Stille.“
(Tom Bogaert)
5) Jeff Gburek: “Astral weeds 1”

„Das Radiostück verwendet Zwischen-Räume von Kurz-,
Mittel- und FM-Radio. Live aufgenommen, ist das Stück eine
Verschmelzung zwischen dem Akt der Feldaufnahme und dem Umfeld von
Radioübertragungen. Der Fokus liegt auf unbestimmten Momenten des
Übergangs und der Überlagerung, die die Dichte der
radiophonen Atmosphäre offenbaren. Diese ist voll mit Daten, die
oft nicht als Information, sondern als Lärm oder Rauschen
wahrgenommen werden.“
(Jeff Gburek)
6) Luke Munn: “Dead Air” (2011)

„'Dead Air' ist eine dreiminütige Radioarbeit, die aus
Schwellenmomenten besteht, aus Stille, Einatmen, Stotern, Schnitten in
der Übertragung und anderen „nicht-Sounds“ aus dem
staatlichen Hörfunk von Neuseeland. Diese flüchtigen Momente
und ungewollten Pausen wurden auseinandergerissen und
zusammengeschnürt. Das Stück verweist auf subversive Weise
auf die Programmierung des traditionellen Radios als dichter und
konstanter Sprachfluss."
(Luke Munn)
7) Ingo Gerken & Matthias Meyer: “The Invention Of Gravity” (2008)

„'The Invention of Gravity/The Gravity of Invention' ist eine
Aufnahme auf einer 7-inch Vinylplatte mit zwei stummen Selbstportraits
von Matthias Meyer und Ingo Gerken, die weniger als nichts machen.
Meyer und Gerken halten ihren Atem lang, und zwar so lange es geht. Die
Tonspur bleibt fast still, doch die Verweigerung des lebensnotwendigen
Atmens erzeugt eine sich steigernde Anspannung. Die Abwesenheit eines
Geräusches kommt der Anwesenheit der um Luft ringenden
Künstler gleich. Das Stück ist ein minimalistisches Statement
des Widerstands.“
(Ingo Gerken & Matthias Meyer)
8) Kabir Carter: “Fill” (2011)


9) The Propagations: “The Bangalore Blowtorch” (2011)

„'The Bangalore Blowtorch' besteht aus drei Kennmelodien aus dem
Kurzwellen-Spektrum, durch ionosphärische Übertragung
verzerrte Musik in der Entfernung, Datenimpulse und natürlich
auftretende Geräusche, die von The Propagations (David Goren und
Ned Sublette) live bearbeitet wurden. Die Aufnahme entstand bei einer
Performance im Tuning Lab in Flatbush, Brooklyn, im Februar 2007 und
wurde von David Goren im August 2011 abgemischt.
Link: http://www.radiocona.si/
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