Unter
dem Namen Radio Continental Drift arbeitet die Künstlerin Claudia
Wegener, „Kolonialwarenladen“ ihr zweites
Hörstück fürs Kunstradio produziert. Wie auch schon vor
einem Jahr, mit „Long Walk“, ist das Ausgangsmaterial in
Afrika aufgenommen worden. Auf diesem Kontinent hat die in London
lebende Künstlerin und Radioaktivistin eine Wahlheimat gefunden,
wie sie sagt, wobei sie viel herumreist und mit lokalen Organisationen
und Communitys Projekte umsetzt.
 Wegener über die Ankunft in Afrika
Um
Storytelling und oral history, also das Erzählen von Geschichte
anhand von Geschichten, geht es in Claudia Wegeners künstlerischer
Arbeit. Geschichten werden immer aus bestimmten Perspektiven
erzählt – Wegener will viele dieser Perspektiven sammeln und
zu etwas Neuem verweben. Wo diese Perspektiven herkommen, dem kann man
online nachspüren, denn das Soundmaterial, also Interviews und
Aufnahmen von Alltagsgeräuschen, Gesängen und ähnlichem,
archiviert Wegener im Internet. 2007 hat sie gemeinsam mit einem
befreundeten Radiomacher in London mit dem Projekt „No Go
Zones“ das Konzept des „slow broadcast“ entwickelt
und es mit Jugendlichen aus der schwarzen Bevölkerung in die
Praxis umgesetzt. „Slow broadcasting“ geht davon aus, dass
all die freien Plattformen und Archive, die im Internet kostenlos
verwendbar sind, benutzt werden können, um Medien zu produzieren.
 Wegener erklärt „Slow broadcast“
Das
Geschichtenerzählen, das in Afrikanischen Kulturen eine lange
Tradition und große Bedeutung hat, findet jetzt – im
digitalen Zeitalter – neue Formen. Und Claudia Wegener will Wege
zu diesen neuen Erzählformen eröffnen – etwa indem sie
Workshops veranstaltet und ihr Wissen über die Verwendung von
auditiven Medien weitergibt.
 Wegener sucht neue Formen
Es
gilt, Alternativen dagegenzustellen und die Anzahl der Alternativen zu
erhöhen, sagt Claudia Wegener. Ihre Aufnahmen stellt sie im
Internet zur Verfügung und lädt Leute ein, es für neue
Radiosendungen zu verwenden, Remixes zu machen und auf diese Weise neue
Verbindungen herzustellen.
Das Stück
„Kolonialwarenladen“ entstand aus Material, das sie in
Afrika aufgenommen hatte, und zwar in Uganda, Kenia und Südafrika.
Die interviewten Frauen sind meist mit Organisationen assoziiert, etwa
mit den Radios Mamma FM in Uganda oder Pamoja FM in einem Slum in
Nairobi. Für Claudia Wegener hatte sich – nach jahrelangen
Auslandserfahrungen – die Frage nach der eigenen Herkunft
gestellt. Wegener besuchte ihren Geburtsort Hamm in Nordrhein-Westfalen
und spielte dort Frauen Ausschnitte aus Interviews mit afrikanischen
Frauen vor. Reaktionen auf das Gehörte und sich daraus ergebende
Gespräche über Afrika, was man davon weiß und was man
alles nicht weiß, sind ebenfalls im
„Kolonialwarenladen“ zu hören.
 Wegener über akustische Gegensätze in „Kolonialwarenladen“
Die
Aufzeichnungen mit Frauen aus Uganda, Kenya und Süd Afrika sind im
Internet archiviert und unter Creative Commons Lizenz publiziert;
playlists können unter http://www.radiocontinentaldrift.wordpress.com eingesehen werden
Statement der Künstlerin: „‘Fang
an zu fragen, wo komme ich eigentlich her…?‘ Die Frage ist
oft ein Ausgangspunkt in meiner Arbeit mit Organisationen, Gruppen und
Künstlern in Afrika. Durch Aufzeichnungen von Unterhaltungen mit
deutschen Frauen der Generation meiner Mutter, richte ich diese Frage
nun auch an mich. Die Gespräche mit den deutschen Frauen
entwickeln sich aus ihren Reaktionen und
‚Übersetzungen‘ zu einer Materialsammlung mit
Auszügen von Aufnahmen Afrikanischer Frauen.
Der
‚Kolonialwarenladen‘, Gebrauch bzw. Missbrauch und
Geschichte des Wortes wie auch persönliche Geschichten und
Erinnerungen, die sich mit der Bezeichnung verknüpfen, sind ein
Anfangspunkt in den Unterhaltungen. ‚Wir wissen sehr
wenig…‘, ist oft die erste Reaktion auf die Frage nach
‚Afrika‘ in Deutschland (und anderen Europäischen
Ländern). Mich interessiert hier aufzuspüren, wie sich das
betonte Nichtwissen ‚dennoch‘ im Alltagsleben
niederschlägt; was für Darstellungen findet das Vergessen
‚unserer Kolonien‘ in Erzählungen und
Kindheitserinnerungen der Frauen in einem
‚Mutterland‘?“
Erzählerinnen: Aber Khevine, Gulu, Uganda Ameso Tabitha, Kampala, Uganda Bewerley Webster, Durban, Südafrika Claudia Wegener, London, UK Faith KaManzi, Durban, Südafrika Irmgard Fatheuer, Hamm, Deutschland Irmgard Gorschlüter, Hamm, Deutschland Ingrid Wegener, Hamm, Deutschland Joyce Laker, Gulu, Uganda L-ness (Lydia Akwabi), Nairobi, Kenia Lucie Schade, Hamm, Deutschland Makgotso Gulube, Johannesburg, Südafrika Phumelele Ndlovu, Durban, Südafrika Regina Amelio, Kampala, Uganda Rosemarie Bürstenbinder, Hamm, Deutschland Seane Leboue, Johannesburg, Südafrika Uschi Lodde, Bochum, Deutschland
Mbira / song: Albert Sempeke, Kampala, Uganda Maultrommel: Matshepo Motsoeneng, Newcastle, South Africa “Safari” Song : Alfons & Ingrid Wegener Zitat aus: John S. Mbiti, “African Religion and Philosophy”
Beiträge aus Durban wurde im Rahmen des Durban Sings Projektes produziert und publiziert: http://www.durbansings.wordpress.com
Material: cross-translations.pdf
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