 Statement
von Sam Auinger
Wie
stellt man eine Mega-City wie Shanghai mittels Audioaufnahmen dar? Von
dieser Unmöglichkeit handelt das Hörstück
„everything NO“ von tamtam (Sam Auinger / Hannes
Strobl) ebenso, wie es den Versuch darstellt, diese Stadt
hörend kennenzulernen.
Im Mai 2009
besuchten die in Berlin lebenden Künstler Sam Auinger und
Hannes Strobl für zwei Wochen Shanghai auf Einladung des
dortigen Goethe Instituts. Anlass des Aufenthaltes war das Programm
„Sprachklänge“ zu chinesischer und
deutscher Literatur und Musik. Am 23. Mai 2009 spielten tamtam im
Kulturraum eArts Shanghai ein Konzert zum Thema „Klang der
Städte und Berlin“. Während ihres
Aufenthaltes machten Auinger und Strobl eine Reihe von
Stadtklangstudien und diversen Audioaufnahmen. Diese bilden das
Grundmaterial für das Kunstradio-Stück
„everything NO“. Der Titel bezieht sich dabei auf
eine Anekdote: auf einer Einkaufsstraße wehrten Auinger und
Strobl die aufdringlichen Straßenverkäufer
erfolgreich ab, indem sie sämtliche Angebote ablehnten,
woraufhin eine Beobachterin meinte: „You: everything
NO!?“.
Die Field Recordings stellten
für die beiden Künstler einen Weg dar, in die Stadt
und ihre Straßenkultur einzusteigen. Die Bewohnerzahl
Shanghais hat sich in zwei Jahrzehnten auf rund 28 Millionen
vervielfacht, überall wird gebaut, Hochhäuser mit 50
Stockwerken und mehr werden innerhalb weniger Monate hochgezogen, alte
Stadtteile abgetragen. Shanghai ist eine Stadt, die für
Neuankömmlinge schwer in den Griff zu bekommen ist. Zu den
für europäische Verhältnisse ungewohnten
klanglichen Stadterfahrungen gehört auch, dass
„jeder Art von Tätigkeit, die man verrichten kann,
an jedem Ort zu jeder Zeit gleichzeitig gemacht wird“, so Sam
Auinger. Man geht durch eine noble Einkaufsstraße, da
fährt ein Schrotthändler mit einer Handglocke vorbei,
gleichzeitig sitzen Leute im Pyjama auf der Straße und
spielen Mah Jong oder bereiten Speisen zu. „Wir sind daher je
nach Stimmung sehr gelassen und präzise unseren Aufnahmen
nachgegangen“, sagt Auinger, „waren aber manchmal
von der Situation überfordert und gestresst.“ Dies
kommt im Hörstück insofern zum Ausdruck, als
Passagen, die von Aufnahmesessions normalerweise weggeschnitten werden,
also Besprechungen, Überpegelungen oder Verzerrungen, als
konterkarierende, zweite Spur stehen bleiben.
Verarbeitet
werden in „everything NO“ akustische
Phänomene, die den Künstlern während ihrer
Stadtklangstudien auffielen. So wird etwa der urbane Verkehr nicht, wie
in Europa, vorwiegend durch Ampelanlagen geregelt, sondern organisiert
sich in Wellenbewegungen selbst: der Linksverkehr fließt
rein, während langsam der Rechtsverkehr wieder
rausfließt. Das Resultat ist, dass es an Kreuzungen nicht ein
kollektives Gasgeben und Abbremsen gibt, sondern dass der Autoverkehr
in einem konstanten Fluss bleibt, wenn auch mit viel Gehupe.
Auffällig
war auch die Vorliebe (und das soll vor allem ein
Shanghai-Phänomen sein) für biependes
Elektrospielzeug, das an allen Ecken zu hören ist. Dennoch
waren Auinger und Strobl nicht auf der Suche nach solchen
spektakulären Klängen, sondern lassen sich vielmehr
von Himmelsrichtungen, Stimmung und Interesse durch die Stadt leiten.
So besuchten sie etwa eine Container-Siedlung, da sie wissen wollten,
wie die Bauarbeiter leben, oder sie folgten den Routen der
Schrotthändler durch die Stadt. So laut und mit akustischen
Ereignissen überfrachtet Shanghai auch sein mag, was fehlt ist
die permanente Lärmbelästigung von oben: anders als
in europäischen Großstädten wird in
Shanghai der Flugverkehr umgeleitet. Man bleibt daher von dieser
für Auinger völlig informationslosen und daher
uninteressanten Geräuschkulisse verschont.
Links: http://www.netzradio.de/tamtam http://www.shearts.org
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